Sami Pajari gewinnt erste WRC-Rallye - Toyotas neuer Champion?

2026-07-20
Sami Pajari gewinnt erste WRC-Rallye - Toyotas neuer Champion?

Tartu, Sonntagmittag. Sami Pajari rollt in die Zielarena am Kääriku-Abschnitt und sitzt einen Moment lang reglos im Cockpit - als würde ihm erst jetzt bewusst, was er gerade geleistet hat. Eine komplette WRC-Rallye gewonnen. Vom ersten Sonderprüfungskilometer bis zum letzten, ohne Zittern, ohne Fehler. Der 24-jährige Finne hat soeben ein neues Kapitel im Toyota-Rallye-Programm geschrieben - und gleichzeitig die Frage aufgeworfen, die den Rest der Saison begleiten wird: Hat Toyota seinen nächsten Champion gefunden?

Sami Pajari - erster WRC-Sieg und was er für die Meisterschaft bedeutet

Pajari gewann die Delfi Rally Estonia 2026 mit 19,5 Sekunden Vorsprung auf Oliver Solberg. Die Zahlen sprechen für sich: 12 von 18 Sonderprüfungen gewonnen, Führung vom ersten bis zum letzten Kilometer. Er wurde zum 83. verschiedenen Sieger einer WRC-Rallye in der Geschichte der Disziplin - und zum 17. Finnen, der in der Rallye-Weltmeisterschaft triumphierte. Damit reiht er sich in eine Liste ein, auf der Namen wie Grönholm und Mäkinen stehen.

Für Toyota bedeutet dieses Ergebnis mehr als einen weiteren Siegeintrag. Estland gewann zuletzt Kalle Rovanperä (2021) - Pajari folgte seinen Spuren nahezu Schritt für Schritt. In der Gesamtwertung sammelte er 28 Punkte und kletterte auf den dritten Rang mit insgesamt 144 Zählern. Auf den Führenden und Teamkollegen Elfyn Evans fehlen ihm 33 Punkte - eine reale Lücke, keine symbolische.

Pajari sprach nach der Zielankunft mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Das ist unglaublich, ich glaube, ich habe noch nicht ganz begriffen, was ich gerade gemacht habe." Er bedankte sich beim gesamten Team von Toyota Gazoo Racing und fügte einen Satz hinzu, der wie ein Manifest klingt: „Ich danke mir selbst dafür, dass ich nicht aufgegeben habe."

So lief die Rallye - vom Shakedown bis zur Power Stage

Pajari übernahm die Führung früh und gab sie kein einziges Mal ab. Solberg jagte ihn das gesamte Wochenende, doch der Rückstand bewegte sich in einem Bereich, der dem Schweden keine echte Angriffsmöglichkeit ließ. Vor dem letzten Tag hatte Pajari 25 Sekunden Polster - genug, um auf der Power Stage Kääriku (24,39 km) besonnen zu fahren und das Ziel sicher zu erreichen.

Auf der Power Stage war Solberg schneller, gewann den Super Sunday und den abschließenden Abschnitt - doch der Zeitgewinn reichte nicht. Pajari fuhr die sechstschnellste Zeit auf der finalen Prüfung und nahm die Trophäe ohne Nervenflattern entgegen. Solberg reiste mit 27 Punkten aus Estland ab - das dritte Podium der Saison und zugleich das Ende einer schwächeren Phase. „Das war ein gutes Wochenende, ich muss zufrieden sein", sagte der Schwede, räumte aber ein, dass Pajari schlicht mit einem anderen Maß an Selbstvertrauen unterwegs war.

Hinter dem Podium entwickelte sich ein eigenes Drama. Adrien Fourmaux (M-Sport Ford) und Thierry Neuville (Hyundai) tauschten den dritten Platz am Samstag mehrfach aus. Neuville kam nach Anpassungen am Getriebesetup ins Rollen und war samstags fünfmal schneller als Fourmaux. Dann kam der letzte Tag: Der Belgier verlor auf der ersten Sonntagsprüfung 7,9 Sekunden auf Fourmaux - ein Eingriff am Soundsystem seines Autos vor dem Start hatte die Wende gebracht. Neuville beendete die Rallye als Vierter, Fourmaux als Dritter.

Evans und Ogier - was passiert an der Tabellenspitze?

Sébastien Ogier kehrte nach Estland zurück - zum ersten Mal seit 2021 - und belegte den fünften Platz. Der neunfache Weltmeister fuhr solide, aber ohne Ausrufezeichen; die Vorsicht nach mehreren Wochen außerhalb des Kalenders war spürbar. Evans erlebte dagegen eine schwierige Rallye: Das Straßenöffnen am Freitag kostete ihn Positionen und Punkte, er finishte als Sechster. Dennoch wuchs sein Vorsprung in der Meisterschaft auf 25 Punkte vor Takamoto Katsutá, der sich am Freitag einen Reifenschaden leistete und damit seine Chancen auf ein gutes Ergebnis verspielte.

Für Evans war diese Rallye verloren - die Tabelle spricht aber weiterhin für ihn. Die Frage lautet: Wie lange kann er Pajari auf Abstand halten, wenn der Finne mit jeder Rallye selbstsicherer in die Rolle des Herausforderers wächst? Vor Estland zählte Pajari fünf Podien in der Saison 2026 - Estland ist das sechste und der erste Sieg überhaupt.

Wer punktete, wer verlor in Estland

Mārtiņš Sesks (M-Sport Ford) belegte als bester Vertreter seiner Mannschaft den siebten Platz - hätte aber höher fahren können. Ein Ausritt von der Strecke kostete ihn 20 Sekunden, ein Reifenschaden auf SS9 weitere Zeit. Jon Armstrong hatte ähnliches Pech: Eine harte Landung auf SS1 und ein beschädigter Reifen warfen den Iren aus den Top acht. Esapekka Lappi (Hyundai) kehrte nach seiner Pause seit der Safari Rally Kenya im März ins WRC zurück und wurde Achter - für die erste Fahrt nach einer langen Auszeit ein akzeptables Ergebnis.

In der WRC2 feierte Robert Virves sein ganz persönliches Fest: Der Este gewann seine Heimrallye auf dem Škoda Fabia RS Rally2, schlug seinen nächsten Verfolger um 7,6 Sekunden und kassierte die Sonderwertung von 25.000 Euro für das beste lokale Ergebnis. Selten sorgt ein Klassensieg für so viel Begeisterung auf den Tribünen wie dieser.

Pajari und die Nachfolge-Frage - kommt der nächste Rovanperä oder Ogier?

Die Frage stand unmittelbar nach Pajaris Zielankunft im Raum und wird in den nächsten Wochen nicht verschwinden. Toyota sucht seit einigen Jahren nach einer Antwort darauf, was passiert, wenn Ogier seine Karriere endgültig beendet und Rovanperä keinen vollen Kalender fährt. Pajari zeichnet sich zunehmend als Kandidat Nummer eins ab.

Er ist 24 Jahre alt, hat in einer Saison sechs Podien eingefahren - plus einen Sieg. Er fuhr auf Hankook-Reifen im Toyota GR Yaris Rally1 und dominierte das Feld auf dem Heimterrain der Finnen in einem Stil, der an den frühen Rovanperä erinnert. Entscheidend: Estland verlangt Mut - schnelle Schotterpisten, enge Waldwege, versteckte Bodenwellen. Pajari gewann nicht nur - er gewann überzeugend und fehlerfrei.

Die nächste Runde ist die Secto Rally Finland (30. Juli bis 2. August) - ähnlicher Untergrund wie in Estland, also genau das Terrain, auf dem Pajari gerade seine Klasse demonstriert hat. Im WRC-Fahrerlager wird bereits über ein Back-to-back gesprochen. Hat Toyota gerade eine neue Dynastie begründet? In vier Wochen wissen wir mehr.

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